Weltraumoper

Kontext:

Im Zuge einer Lesereihe wurde von uns Lesenden verlangt, einen Text zu schreiben, den sich das Publikum im vorigen Monat ausgesucht hatte. Sie durften ein Genre und vier Begriffe wählen, die wir in unseren Text einbauen sollten.

Die vier Begriffe waren:

L´oktar Ogar

Lasagne

Gender (seltsam)

Die Technologische Singularität

Das Genre – „Weltraumoper“.

Nachdem ich die Hälfte der Begriffe gegoogelt hatte, kam dieser Text heraus:

 

 

Prolog:

2678 Jahre später. Die technologische Singularität ist nie eingetroffen. Der Plan ist gescheitert. Alles läuft weiter wie bisher…

 

Der König seufzte.

Heute war wieder einer dieser Tage. Er stemmte die Hände in die Hüften, schüttelte den Kopf, dann drehte er sich auf dem Absatz um und lief die Brücke wieder zurück.

„Majestät…“

„Jaja, ich komme ja!“

Der König berührte das kühle Geländer und lies sich stumm von ihm zurückgeleiten, während seine Stiefel krächzende Geräusche auf dem Metall hinterließen.

Er hatte sich hier immer klein gefühlt. Unter den hohen Decken. Den kalten eisernen Wänden. Drei Meter breit eisgrauer Stahl, eingerahmt von silbernen Säulen. Eine hochglanz-verchromte Hölle.

Er blickte zur Seite.

Draußen pechschwarzer Raum. Nur ein einsamer Stern leuchtete herein und beschien das furchige Gesicht des alten Königs.

„Es tut mir leid, Majestät…“

„Jaja…“

Heute hatte er es fast geschafft.

Er hatte die Brücke fast überquert. Seit Monaten war es sein Ziel gewesen, jeden Tag hatte er einen Schritt mehr getan. Auf seine alten Tage war er noch recht fit, dachte er sich.

Und dann, kurz vor seinem Ziel, wie auf Bestellung, stand da Lieutenant Lasagne, dieser elende Unsympath, und faselte irgendetwas von „die Flotte“ und „Alianzen“ und Dingen, die ihn schon seit langem nicht mehr interessierten.

Der König seufzte noch einmal. – Er war zu alt für diesen Mist. – Dann brach die Brücke unter ihm weg.

 

Schnitt. Das Bild schiebt sich seitlich weg und ein neues erscheint.

 

„Oh, Ashley!“

Scarlet warf sich in seine Arme und hielt ihn fest, so fest, sie legte ihr Leben und ihren Körper in seine Hände, alles. Sie drückte sich an ihn, so sehr, dass er sie nie wieder verlassen konnte. Er war bei ihr. Sie war im Himmel.

„Scarlet…“

Jetzt würde alles gut werden, Ashley war bei ihr und nun würden sie glücklich werden, Scarlet war sich sicher! Der bevorstehende Krieg war nur noch eine nebensächliche Kleinigkeit!

 

„Scarlet, Liebes…“

„Oh, Liebster…“, seufzte sie noch einmal. Sie holte tief Luft und sog seinen Duft ein, ganz tief, oh, Ashley…

„Ich habe deinen Vater gesehen.“

Ihr Körper in seinen Händen wurde starr.

„Was…“ Ihr Flüstern war nur noch ein Hauchen und ihre Augen blickten ins Leere – in die Ferne…

 

Schnitt. Eine neue Szene schiebt sich von oben nach unten.

 

Alles war wie immer auf Beta 3-Strich-785 (der Bezirk, nicht der Planet).

Dann, plötzlich, ein Glimmen am Himmel, dort, bei Delta-489-großA (der Planet, nicht der Bezirk).

Das Schlachtschiff der Orks hatte Fahrt aufgenommen und peitschte durch die Galaxis. Das Ziel war greifbar nah. Die Flotte war stark, sie hatten sich gut positioniert und, seit sie den Hyperantrieb der Garnetarier für sich gewonnen hatten, waren sie endlich eine wirklich ernstzunehmende Gefahr geworden.

 

Das Bild verschwimmt. Wir befinden uns an Bord.

 

Felix packte Matilda am Arm.

„Nein, warte doch, hör mir zu! Ich weiß, als du noch mit Paul zusammenwarst, war es anders! Aber du bist jetzt meine Orkin! Ich bin dein Ork! Es ist meine Aufgabe, dich zu beschützen!“

Doch Matilda schüttelte seine Hand ab.

„Ach, hör doch auf mit deinen seltsamen Gender-Mainstream-Begriffen, immer! Ork, Orkin, das war das einzige, was Paul nie gejuckt hat! Ich hab das so satt mit dir! Und ich hab´ dafür jetzt keine Zeit!“

Matilda lies Felix stehen und rannte weiter. Warum musste er ihr immer dann im Weg stehen, wenn sie es nicht gebrauchen konnte?

Sie sprintete an ihren Ausguck im Maschinenraum und blickte aus dem Fenster.

Noch zwei Minuten.

Tintenschwarze, mit silbernen Sternen durchzogene Weite. Und dort, schon ganz nah, noch viel größer, als er auf den Plänen ausgesehen hatte, gold-glänzend im Glimmer der Sterne:

Der Sichel-förmige Planet!

Akhbar.

Der Sternenkreuzer der königlichen Flotte war gerade noch zu sehen. Er hatte schon zum Landeanflug angesetzt – sein Schutzschild war bereits abgelegt.

Sie packte das kleine Gerät in ihrer Hand fester und legte einen zitternden Finger auf den Auslöser.

Gleich…

Und dann? Würde Felix dann überhaupt noch wichtig sein?

Sergeant Matilda Tuvok dachte an ihren Auftrag. An den Sprengstoff. An ihr Volk.

Sie zählte bis vier.

Dann drückte sie den Auslöser.

 

Schnitt.

Das Bild wird sternförmig ausgeblendet.

 

Wir sehen vor uns den sichelförmigen Planeten Akhbar, mit zwei Sonnen, acht Monden und einem Kätzchen.

Am Hafen herrscht Trubel und panisches Durcheinander, denn der königliche Sternkreuzer hat gerade zum Landeanflug angesetzt – seine Flanke qualmt. Zischend und ächzend setzt der riesige Kreuzer auf dem Asphalt auf und die hintere große Luke öffnet sich.

Lasagne stürmt heraus, vier Soldaten tragen den König hinter ihm her.

Bonifaz kommt ihnen entgegengelaufen.

 

„Lieutenant Lasagne! Was ist passiert?!“

„Ihre Majestät ist gestürzt!“

„Gestürzt?!“

„Ja.“

„Aber wie…“

„Ihre Majestät ist in einem Alter, in dem man stürzt, Bonifaz! – Und es gab eine Explosion!“

„Was?!“

„In der Kommandozentrale. Die gesamte Brücke ist eingebrochen. Ich gehe jede Wette ein, dass ein Orkischer Agent dahintersteckt! Sie wollten den Disruptor beschädigen.“

„Das kommt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, Lieutenant…“

„Glauben Sie, das wüsste ich nicht, Bonifaz, Sie Idiot? Sind die Alliierten mittlerweile zum Stützpunkt durchgedrungen?“

„Noch nicht, Lieutenant. Die Alliierten haben die Schilde der Ork-Flotte nicht durchbrechen können und versuchen es nun über das Delta-Atoll. Unsere Truppe tut, was sie kann…“

 

„Lasagne…“

„Ihre Majestät, bitte, bleiben Sie liegen! – Bonifaz, ist die Prinzessin in Sicherheit?“

„Wir… ehm…“

„Was ist?“

„Wir… hrm…wir…können sie nicht finden, Lieutenant…“

„Was?!“

„Sie… e-hem… sie hat eine Nachricht hinterlassen…“

Lasagne hält den kleinen Zettel in die Kamera–äh, ich meine, er hält ihn hoch.

 

Papa, es tut mir leid, aber ich kann Lasagne nicht heiraten. Ich liebe Ashley! Wir werden zusammen fliehen! Such nicht nach uns.

 

Lasagne zerknüllt den Zettel wütend in seiner Hand und blickt Bonifaz an.

Bonifaz tritt einen Schritt zurück, Angst funkelt in seinen Augen auf. Der Lieutenant war kein besonnener Mann. Lieutenant Lasagne spuckt Bonifaz vor die Füße, dann zischt er:

„Mach den Disruptor startklar. Wir greifen an.“

 

Schnitt.

Der Disruptor ROY-05 zittert. Die Maschine beginnt zu beben. Die Gewalt der Wunderwaffe, die sie nur „den Flotten-Zerstörer“ nannten, bündelt sich.

Das kühle Metall wird heiß, es wird gelb und glüht dann immer heller, bis es blitzend-weiß leuchtet.

 

Als Lasagne, der den Disruptor rittlings bestiegen hat, um ihn steuern zu können, den Hebel herunterreißt, spürt er die geballte Macht der Maschine zwischen seinen Schenkeln.

Die Macht, ein Universum zu unterwerfen vibriert in seinem Schoß – der Lieutenant grinst. Er fühlt sich mächtig, unzerstörbar – männlich.

Noch eine Erschütterung, dann schießt der glühende Phalanx-Strahl aus dem Disruptor.

 

Eine Sekunde lang ist es totenstill. Die Gewalt des Strahls schluckt jedes Geräusch.

Dann trifft er die Orks.

 

Schnitt.

 

An Bord des Orkischen Schlachtschiffes tut es einen Schlag. Die Zeit steht still, jeder Schall wird geschluckt – eine ohrenbetäubende Stille drückt sich ins Sein der Mannschafft an Bord – und Alles ist plötzlich Nichts.

Dann ist es, als machte der ganze Raum einen Ruck zur Seite. Auf der Brücke gehen die Notfallleuchten an, die Sirene brüllt ein Klagelied.

Aus dem Lautsprecher plärrt eine Stimme

„Treffer. Treffer. Schadensbericht erforderlich! Begeben Sie sich in Ihren Schutzbunker!“

 

Die erste Offizierin Mila tritt an Kapitän Paul heran.

„Kapitän, wir sind getroffen!! Die Alliierten der Akhbars haben die Schutzschilde durch das Delta-Atoll durchbrochen! Sie greifen an!“

„Funken Sie sofort Fiete aus dem Maschinenraum an, Mila! Fragen Sie, wie es um den Hyperantrieb steht!“

 

Mila sprintet an den Transmitter und brüllt hinein.

Ein Rauschen, ein Klicken.

 

„Fiete hier.“

„Fiete, wir wurden getroffen!!“

„Jo, det ham wir hier unten ooch schon mitbekommen, wa…“

„Machen Sie keine Witze, Fiete! Wie steht es um den Hyperantrieb?!“

„N Momentchen, grad ma…“

Wieder ein Rauschen, dann ein Klicken. Im Hintergrund hört man Tuscheln…

 

-Nee, Ferdinand, mach doch du, jetze… 

-Ey, Fiete, sie hat aber dich jefragt! Soll doch Ben an den Transmitter, Ben!

-Nee, Ben hat doch heute frei, der trifft sich mit Eden… 

-Echt, mit Eden? Hatte die nich was mit Zoe? 

-Jaja, aber Zoe hat doch Schluss jemacht, jetze will die wat von Ben. Wenn die rauskriegt, das Ben schon drei Kinder mit dieser Brikerianerin hat…

-Poah, ja, det wär fast wie damals, als Noah und Finn ihr damals auf Alpha-14 die Flasche übern Kopf gezogen ham, weißte noch…

 

Ein Rauschen. Ein Klicken.

 

„Hier Greta, wat kann ich für Sie tun, Offizierin?“

Mila seufzt. Das kommt davon, wenn der Querschnitt der Orkischen Unterschicht im Maschinenraum arbeitet…

„Greta, teilen Sie mir doch einfach das Ausmaß des Einschlags mit…“

„Ja, na, also, so wie icke det hier sehen kann, verliert det Schiff seine strukturelle Integrität… Totalausfall.“

Mila flucht in einen Sirenenlaut hinein und schlägt gegen die Wand neben dem Transmitter. Dann dreht sich zu Paul um.

„Kapitän…“

Paul sieht aus dem Fenster. Auf der Sichel kann er noch das sich-wieder-beruhigende Glühen des Desruptor-ROY-05 glimmen sehen.

Matilda hatte es also nicht geschafft. Sie hatte nicht genug Sprengstoff genommen…

Kapitän Paul atmet schwer. Dann flüstert er: „Brazoragh, steh uns bei!“

 

In diesem Moment werden sie angefunkt.

Es ist die Basis der Sichel.

Matilda war gefangen genommen worden.

 

Schnitt.

Das Bild teilt sich in der Mitte.

 

Nach dem Gegen-Angriff war der Himmel über Akhbar stundenlang verdunkelt. Die Orks hatten mit ansehen müssen, wie ihre Schiffe eins nach dem anderen zerschossen, zerstört, flugunfähig gemacht worden waren.

Eine Handvoll Offiziere und Soldatinnen hatte sich mit Kapitän Paul vom Mutterschiff in Sicherheit bringen können.

Kapitän Paul dachte nur noch an Matilda und wie er sie zurückbekommen würde…

 

Doch Matilda denkt nicht an Paul. An Felix.

Matilda sitzt gefesselt und geknebelt in einem dunklen Kellerraum und muss Lieutenant Lasagne´s triumphales Grinsen ertragen. Sie blutet und ihr linkes Auge ist zugeschwollen.

Lasagne kommt so nah an Matildas Gesicht heran, dass sie seinen fauligen Atem auf den Wangen spürt.

Als er spricht, ist seine Stimme so leer und kalt wie das All.

„Lok’tar Ogar.“ Er legt den Kopf schief.

„So heißt das doch bei euch?“

 

Schnitt. Schwarz.

…Fortsetzung folgt…

Credits.

 

 

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