Smells like Teen Spirit…

Seit Monaten treibt mich eine Frage um, bereitet mir manch schlaflose Nacht und lässt mich nicht los: Gibt es einen Grund dafür, dass ich mit immer mehr Menschen mit Mundgeruch zu tun habe? Inwiefern bringe ich das kosmische Gleichgewicht so sehr durcheinander, dass es sich in dieser Form an mir rächt?

Ich bin – unter anderem bedingt durch meine drei Jobs – viel in Kontakt mit allerlei Gemensch, groß wie klein, jung wie alt, vorgesetzt wie angestellt. Und zudem begibt es sich, dass ich eben viel und gerne mit ihnen spreche. (Sag‘ ich ja immer – „Ich bin `Sprechende’“, „Ich rede immer so viel“, „Das Wort ist die neue Tat“, blabla, ihr wisst schon.) 
Und ab und zu schafft es eben auch mal jemand, mir zu antworten – und ein ordentlicher Prozentsatz derer ist eben dann ein solcher mit Mundgeruch. 

Nun wird sich vielleicht jede von euch Personen, die schon einmal mit mir interagiert hat, fragen: „Ach, du gute Güte – bin denn womöglich ich einer dieser Menschen?!“ 

Ja, seid ihr. 

Allesamt!

Früher oder später haben oder hatten wir alle mal Mundgeruch. Auch ich. So ist das Leben. So ein Mist. 

Trotz der (wie ich finde, fast harmlosen) Betitelung „Geruch aus dem Mund“ liegt der Ursprung des Mundgeruchs, so weit ich weiß, meistens im Magen. Weil wir irgendwann mal was gegessen haben, das jetzt komisch riecht. So meine ich zumindest mich zu erinnern, dass ich das irgendwo mal gelesen hätte. Mundgeruch kann auch irgendwas mit der Zunge sein, oder? Und mit den Zähnen, wenn man Zahnfleischentzündungen hat oder so, ich bin da jetzt, ehrlich gesagt, zu faul, um nachzuschlagen… Und hier geht es ja gerade auch nicht um das „Warum?“ sondern um das „Warum ich?“! 
Ich bin auf jeden Fall von Mundgeruch umgeben, in letzter Zeit, überall. 

Mir bleibt also nur, die verschiedenen, mir untergekommenen Arten einmal auflisten, sie mir anzusehen und dabei vielleicht herauszufinden, was ich dagegen tun kann…

Besonders charmant (heißt widerlich) und am bekanntesten – weil es im morgendlichen 7:15-Uhr-Bus meistens genau danach riecht – ist der Mundgeruch nach Knoblauch. 

Bah, Knoblauchmundgeruch ist ganz furchtbar, das wissen wir alle. Wir wissen aber auch, dass Knoblauch gesund ist, unfassbar lecker und in frischem Zustand äußerst wohlduftend. 

Wenn er aber im menschlichen Körper halb verdaut in einer fleischgewordenen Wanne gefüllt mit Magensäure und Essensresten vor sich hinsuppt und versucht, aus allen Poren durch die Haut an die Öffentlichkeit zu drängen und uns dann dort mit einem knoblauchförmigen Morgenstern olfaktorisch verdrischt – dann ist Knoblauch nicht mehr so toll. 

Aber Knoblauchmundgeruch kann ich wenigstens irgendwie wegrationalisieren. Ich kann sagen „Hachja, Knoblauch ist wirklich sehr gesund, wow, und so lecker, wirklich, wie schön für dich, dass du gestern Knoblauch gegessen hast, wie schön, dass du Knoblauch offenbar verträgst – ich nämlich nicht, ich kriege von Knoblauch bestialisch-krampfige Bauchschmerzen des Todes und möchte kurz sterben… Aber du wohl nicht – toll. Echt schön.“ Knoblauch ist also nicht so schlimm. 

Etwas unangenehmer ist der morgendliche nicht-gefrühstückt-Mundgeruch. Zähneputzen hilft meistens ein bisschen, aber es überdeckt nur mäßig das faulige, verweste Bouquet von nächtlichem Verdauen und Zähneknirschen. Ein dumpfer, ruch- (aber nicht geruch-)loser Duft, der, wenn ich ihm eine Farbe geben müsste, nach „ocker“ riecht. 

Doch auch hier mein Erklärungsversuch, „Ja, ich versteh schon, der Wecker hat zu spät geklingelt, oder gar nicht, echt?, is‘ ja blöd, also kein Frühstück heute, hm? Kenn‘ ich, mach ich auch selten, und jetzt musst du halt eine halbe Stunde durch die Weltgeschichte eilen, bis du etwas zwischen die Zähne bekommst, kann ich total verstehen, passiert mir auch, wie wärs denn das nächste Mal mit einer Art „Not-Brötchen“, das belegt man sich am Vortag mit Frischkäse und Tomaten oder so und dann tut man das in seine Tasche und beißt zur Not kräftig hinein, hm?“ 

Ich weiß, ich bin garstig. 

Aber das kommt nur von meiner missmutigen, geschundenen Nase, die sich von beißendem Mundgeruch völlig totgebissen fühlt und von meinen tränenden Augen, die – sowieso schon geschwächt durch täglichen Übergebrauch – den Mitmensch-Duft gar nicht schnell genug wegblinzeln können. 

Und eben meinem Würgereiz. 

Irgendwann kann ich nämlich nicht mehr „gar nicht“ atmen und dann bin ich dem Aroma meines Gegenübers schutzlos ausgeliefert. 

Am Schlimmsten ist der Würgereiz aber bei Rauchermundgeruch. 

Ich hasse den Rauchermundgeruch. 

Oh, süßes Rauchen. Ich liebe und vermisse es wehmütig. Ich habe vor fast sechs Jahren mit dem Rauchen aufgehört, würde mich aber nie als Nichtraucherin bezeichnen, weil ich das schlicht nie war. Ich war und bin Raucherin, und jetzt im Moment eben eine Raucherin, die nicht raucht. (Ich finde das super logisch, ihr nicht? Das ist genauso wie trockene Alkoholiker. Da diskutieren wir mal wann anders drüber…). 

Wir Raucher – das ist einfach per Berufsbezeichnung schon so – sorgen uns nicht so sehr um das Wohlergehen unseres Körpers. Sonst würden wir ihm ja nicht mit Nervengift-artigen, harmlos anmutenden Wölkchen, die wir uns stündlich in die Lunge ziehen, zusetzen. 

Deshalb umsorgen wir unseren Körper auch eher selten mit einem ausgewogenen Frühstück (das behaupte ich jetzt mal aus meiner eigenen Erfahrung). Wir essen nicht etwa einen Naturjogurt mit Apfel und Blaubeeren, mit einem leckeren Stück Vollkornbrot und trinken dazu einen Power-Smoothie. Nein, wir stehen bei minus 8 Grad in eine Decke gewickelt zitternd auf unserem Balkon, rauchen eine Zigarette und schlürfen ab und zu ein haltlos-wackelndes Tässchen feinsten Karokaffee.

Is‘ auch Frühstück.

Wirklich gegessen wird dann erst so eine gute Stunde, anderthalb, später. 

Und in dieser Stunde, anderthalb, müssen unsere Mitmenschen uns ertragen. 

Uns und unseren – ich nenne es mal „Odeur“… 

Unseren bestialischen, ekelerregenden, widerlichen Rauchermundgeruch. 

Denn wir Raucher, die wir nicht gefrühstückt, sondern Kaffee getrunken haben, im schlimmsten Fall nicht zähnegeputzt sondern uns mal eben schnell Zahnpasta in die Backe gedrückt haben – wir riechen, als hätten wir irgendetwas Totgefahrenes gegessen. 

Am Vortag. 

Nicht von der Kategorie Ups-totgefahren-also-fix-anbraten-und-mit-etwas-Cayennepfeffer-angenehm-durchgaren, nein. 

Totgefahren und vom Asphalt geleckt. 

Totgefahren, abgeleckt und festgestellt: „Moment mal, das ist doch menschlich total verwerflich, dieses totgefahrene-Tiere-mit-den-Zähnen-vom-Asphalt-kratzen, irgh, und eklig isses ja dazu auch noch, herrje, da wird mir plötzlich ganz blümerant“ und dann erleichtern wir das Totgefahrene prompt wieder auf den Asphalt. Und dann fällt uns aber mit einem Mal ein: „Naja, moralisch gesehen ist das ja jetzt eigentlich noch viel schlimmer, dieses nicht-Aufessen, und vor allem das Gegessene wieder auf den Asphalt zu brechen, was für ’ne Verschwendung, und in Afrika verhungern die Kinder, neenee, was man mal angefangen hat…“ und dann lecken wir eben kurzerhand das losgewordene Totgefahrene nochmal auf und weil wir an dem Punkt auch nicht mehr gegen Ekel gefeit sind, spülen wir das Ganze mit einer ordentlichen Portion Pflanzendünger hinunter, ansonsten kann man ja den Abgang kaum ertragen. 

So in etwa riecht der zarte morgendliche Hauch der Rauchergemeinschaft. 

Und ich mittendrin. 

Super. 
So ist das scheinbar jetzt. Das muss ich aussitzen, das ist mein Leben. Die Strafe dafür, dass ich alle immer vollquatsche, ich werde für meine Redseligkeit regelmäßig zugedunstet!

Wöchentlich lasse ich mein gutes Geld in den Kiosken meiner Stadt, um mich mit Kaugummis und wohlduftenden Bonbons einzudecken, die ich munter unter das Volk verteile, einfach auch, weil ich das niemandem ins Gesicht sagen kann – „Du hast furchtbaren Mundgeruch!“ – das ist doch irgendwie doof, da bin ich zu nett für, nee, ich kann sowas nur passiv-aggressiv: „Sag‘, willst du einen Kaugummi? Ich hab‘ den hier grad rausgeholt, weil ich selbst einen wollte, und, joa, vielleicht magst du ja ganz zufällig auch einen, hm? Ach, du magst Kaugummis nicht so gern? Schlecht für die Zähne? Ja, versteh‘ ich, klar, aber, hier, ich hab‘ auch Bonbons! Sind zuckerfrei! Nimm ein Bonbon! NIMM DAS BONBON!!“ 

Denn was soll ich denn auch groß dagegen tun, dass alle so haltlos stinken?! Ich bin da einfach zu verständnisvoll…