My Home is my Gadde

Ich dachte immer, die Natur und ich hätten einen Deal. Aber, wie immer im Leben, kommt es manchmal anders, als man denkt…

Ich bin ein stolzes Stadtkind – das sage ich immer gern mit Inbrunst und voller Überzeugung. „Born and raised in the darkest corners of Mainhatten, Frankfurt“. Um mich herum war immer alles Beton und laut und hektisch, die Luft voller Smog und Fluglärm, die Straßen voller streitender Leute und konstantem 24-Stunden Verkehr (maschinell wie sexuell) und ich lebte (und lebe immer noch) mein Dasein als glückliche Städterin, ignorant gegen alles Natur.

Ich habe kein Problem damit.

Und die Natur auch nicht.

Als Kind kannte ich die Natur aus Büchern, aus Zeichentrickserien oder Reportagen im Fernsehen, und nur im Extremfall von gelegentlichen Ausflügen in benachbarte Wälder mit meinen Eltern, einfach, damit das Kind mal an die Luft kommt und nicht immer so viel fern sieht.

Damals wie heute bin ich nicht in der Lage, Busch von Baum zu unterscheiden. Ich sehe eine Eiche und halte sie für eine Tanne, bunte Blumen sind eben bunte Blumen und, oh, ein Löwenzahn, ja, kenn´ ich von Peter Lustig, uh, guck mal, ´ne Pusteblume, kenn ich auch von Peter Lustig, joa – ach guck, da ist ein Blatt. Aha, und dies ist ein anderes Blatt, und oah, ein drittes Blatt! Unterschiedliche Blätter, alle grün, Wahnsinn, mir ist langweilig, ich hätte gern ein Blatt Papier zum Malen oder was zum Lesen oder ein Kätzchen, ich hab´ Hunger, darf ich Gummibärchen haben, wo sind die denn schon wieder? Ja, Mama, mir ist egal, dass da Pilze sind, die sehen alle sowieso blöd aus, wo hast du denn die Gummibärchen hin getan? Und können wir bald gehen, weil nämlich um sechs Prinzessin Fantagiro im Fernsehen kommt, da läuft die auch durch den Wald…

Ich war (und bin) ein sehr verträumtes Kind, das sich nicht lange auf eine Sache konzentrieren kann. Sobald irgendeine Sache länger dauert, fange ich an mich zu langweilen und dann denke ich mir die Sache spannender oder stelle mir vor, wie es wäre, wenn die Sache stattdessen so oder anders wäre.

Oder ich lasse eben ab von der Sache und wende mich einer anderen Sache zu. Da gibt es bestimmt irgendeinen Fachterminus, irgendwas mit AD, oder so, aber das ist jetzt wurst, ich will ja hier meine Geschichte erzählen…

Wenn ich also mit meinen Eltern im Wald spazieren war, so interessierte mich nicht die Natur, sondern alles drumherum.

Ich hörte das Schweigen des Waldes und roch die muffige Feuchte und erkannte Magie zwischen den Bäumen. Alles so friedlich und leise, ab und zu ein Schu-hu der Eulen oder ein geheimnisvolles Rascheln – und ich hoffte inständig, eine Elfe oder ein Kobold oder ein verwunschenes Reh würde mir über den Weg laufen und sich mit mir anfreunden. Der Wald war nur Schauplatz für meine Abenteuer, ich war Räubertochter im tiefen Dickicht oder Piratin auf hoher, bemooster See, ich war Hund und Katze und Hirsch und die Natur war nur stille Zeugin.

Während meine Eltern also entspannt die vorgetretenen Wege entlangspazierten und sich das unterschiedliche Gepflänz anschauten, stapfte ich kreuz und quer durch die Wallachhei, rutschte über feuchtes Laub, kroch durchs Geäst, stolperte durch die Gegend und redete dabei mit mir selbst. Ich stellte mir vor, ich sei eine Zauberin, die Zutaten für eine Hexenbrühe zusammensammelte, ich musste nicht selten davon abgehalten werden, tollwütige Dachse und Eichhörnchen streicheln zu wollen und sammelte Stöcke für meine Stocksammlung.

Gute zwanzig Jahre später hat sich an mir nicht wirklich etwas geändert. (Also, bis auf das mit den Stöcken, ich habe alle Stöcke gesammelt, die es gibt, meine Stocksammlung ist vollständig und jeder der das Gegenteil behauptet, lügt.)

Immer noch kann ich Palme nicht von Primel unterscheiden, immer noch bin ich umgeben von Smog und Lärm und die Natur sieht mir aus der Ferne zu. Und wenn es mich dann doch mal in den Blumenladen treibt, weil ich Buntes so schön finde, sage ich Dinge wie „Ich hätte gern irgendwas Hübsches für so 10 Euro, circa, bitte…“ und die Blumenfrau sagt dann „Hier, die Gladiolen, dann vielleicht?“ und ich gucke auf mein Handy nuschele „Ah, ja, Gladiatoren, okay!“

Ich feiere meine Ignoranz gegenüber der Natur. Ich mag die Stadt, ich mag es laut und hektisch, weil ich selbst laut und hektisch bin und die Natur und ich fristen ein friedliches Dasein in leidenschaftlicher ignoranter Co-Existenz.

Wir haben einen Deal, die Natur und ich – sie versorgt mich mit Essen und ich tue ihr nicht weh. Wir sind cool miteinander, ich lasse die Natur Natur sein und sie lässt mir mein Stadtkind.

Und dann hatte ich plötzlich einen Schrebergarten.

Ich.

Die träumende, voll-ge-smogte Gummibärchenglitzerfrau.

Zu meiner Verteidigung möchte ich meine Freunde vorschieben, die im Gegensatz zu mir sehr naturbegeistert sind. Sie finden die Natur sehr wohl sehr super und wollen unbedingt Natur um sich herum – also einen Garten. Solche Gärten sind aber teuer und vor allem viel Arbeit und es ist günstiger, sich sowas zu teilen – lange Rede, sehr, sehr kurzer Sinn: Ich hab jetzt also einen Garten. Mit Natur drin.

Dies führte dazu, dass die Natur und ich unsere liebevoll gepflegte, glücklich-ignorante Co-Existenz aufgeben mussten und uns miteinander konfrontiert sahen. Voll ins Gesicht.

Zum besseren Verständnis möchte ich betonen, dass ich trotz meines zu-Chaos-neigenden Wesens sehr ordentlich bin. Ich möchte, dass ihr mir das jetzt einfach mal glaubt.

Ich räume gern auf, jedes Ding gehört bei mir an einen bestimmten Ort, hat einen zugeordneten „Schlafplatz“, ich sortiere leidenschaftlich und völlig ohne Zwangsneurose alles und jeden nach Farbe und Funktion und arbeite nach einem wahnwitzig-verrückten System, das nur ich nachvollziehen kann.

Bei unserem ersten Aufeinandertreffen beäugten der Garten und ich uns also erst einmal argwöhnisch.

Er war nicht ordentlich. Vereinzelte Blumen an allen möglichen Orten, herumliegende Blätter, Löwenzahn (kenn´ ich ja), hier ein Kirschbaum und dort hinten ein Kirschbaum und hier, aha, wieder ein Kirschbaum, warum sind nicht alle Kirschbäume beieinander?Ich versteh das nicht, hier ist überhaupt gar nichts nach Farbe sortiert, überall unterschiedliche Grüntöne und Braun-Schattierungen, warum ist nicht jedes Hellgrün beim Hellgrün und dann wird’s zu den Seiten hin immer dunkler, ist doch viel sinnvoller! Ach, ein Stock, guck an, na, den hab´ ich schon, boah, mir ist langweilig, gibt´s hier WLAN? Wo sind denn jetzt wieder meine Gummibärchen, hab´ ich die schon wieder gegessen…?

Die Natur macht nun mal, was sie will, sie wächst eben, wie es ihr passt, oder wie sie es witzig findet, oder was, ich weiß ja jetzt auch nicht, die Natur und ich kennen uns nicht so gut, ich kann jetzt auch nur mutmaßen, was das alles soll…

Die Natur ist also einfach – und möchte man sie in irgendeiner Art beeinflussen, muss man das mit höchster, körperlicher Gewalt tun. Dazu bin ich nicht in der Lage (dachte ich bis dato), ich kann doch nur Dinge von A nach B räumen…

Schnell kristallisierte sich daher meine Aufgabe in unserer Gartengemeinschaft heraus: Nörgeln und aufräumen!

Ich erklärte es mir zur Mission, Ordnung zu halten, in diesem bunten Chaos, und alles, was gegen diese Ordnung zu rebellieren schien, nahm ich mir vor zu beseitigen.

Weg gehörte ab sofort zu Weg und Rasen zu Rasen. Die Blätter kamen alle auf einen Haufen und die Stöcke auf den Müll (was brauch ich die auch doppelt, is´ja lächerlich). Nur mit höchster Anstrengung konnte ich davon abgehalten werden, einen der Kirschbäume zu versetzen und ich sortierte die Gartengeräte nach Farbe, Funktion und Gebrauchs-Häufigkeit.

Doch meinen ganz besonderen, höchstpersönlichen Krieg führte ich mit den Disteln.

Oooh, Disteln…

Grünlich-pieksiges Gartengewächs, das sie sind, verstehe ich ihren Nutzen und ihre Funktionalität nur bedingt:

Wenn man´s anfasst, tuts weh, was soll das denn, ist das Mutter Natur´s Einbruchschutz? Man kann sie nicht essen, oder doch? Warum sollte ich etwas essen wollen, das wehtut, wenn man´s anfasst – und jetzt kommt mir hier bitte niemand mit Brennesseln.

Dämliche egozentrische Egomanen-Pflanze, das ist die Distel nämlich!

Außerdem sieht sie doof aus und ganz und gar überhaupt nicht magisch und verzaubert, mit ihren spitzen, spinnenartigen Ärmchen und großen, ausladenden Blättern.

„Ich bin soo eine entzückende Pflanze, soo schön, guck´ wie toll ich aussehe, jahaa, ich bekomme herrliche lila Blätter, wenn ich groß genug bin, komm, du willst mich bestimmt mal anfassen, los, mach mal, AHAHAA, SPÜR MEINE STACHELN UND STIRB, DU NICHTSNUTZ!!“

Monatelang wütete ich also gegen die Natur und sie gegen mich.

Während meine naturverrückten Freunde um mich herum Nutzpflanzen anbauten, Gewächse zurechtschnitten, Blumen pflückten, grillten und verzückt „Wikinger-Schach“ spielten, rannte ich wie eine Wahnsinnige mit Spitzhacke und Handschuhen bewaffnet durch den Garten, mit bucklig gekrümmtem Rücken und den fahrigen Blick auf den Boden gerichtet, und murmelte vor mich hin: „Disteln, Disteln, wo seid ihr, verdammt, fangt schon mal an zu beten…“

Und irgendwann hatte ich sie unter Kontrolle!

Ich hatte mir die Natur zur Leibeigenen gemacht, war Räuber-Häuptling und Piratenkönigin und hatte alle Zutaten für meinen Kräuterhexentrunk zusammengesammelt.

Ich erstickte mein Distelproblem im wahrsten Sinne „im Keim“ und konnte das erste Mal durchatmen. Das erste Mal seit … seit immer, eigentlich, sah mich dazu imstande, die Natur zu bevölkern: Ich besorgte mir Saatgut, Setzlinge, Blumenzeugs und Kräuterkrams, stanzte alles verzückt in die Erde, säte aus, grub um, pflanzte an, wie eine Irre genoss ich das bunte, hell-dunkel-grün-braune Chaostreiben in meinem Garten in der Natur.

Selbst auf meinem heimischen Balkon tobte ich mich aus, pflanzte Sonnenblumen in den Blumenkasten, um sie sorgsam hochzuzüchten und sie dann mit in den Garten zu nehmen und dort auszuwildern.

Und eines Tages, an einem herrlichen wolkenklaren Sonntag, die Sonne war gerade erst aufgegangen und küsste die Stadt sanft wach, trat ich auf den Balkon, um nach der zweiten Anzucht Sonnenblumen zu sehen.

Und dann sah ich sie.

Die Distel.

In meinem Blumenkasten.

Mannshoch triumphierte sie über meinen Balkon, über den winzig kleinen Blumenkasten – sie strahlte ein unheilschwangeres Glühen aus und wiegte sich ironisch im Wind.

Sie hatte sich scheinbar heimlich, als ich damit beschäftigt war, kümmerliche, kleine Sonnenblumensetzlinge im Garten zu verteilen, in meinen Blumenkasten gestohlen und war mit mir zurück in die Stadt gefahren. Die Natur hatte ihre spitzen Stacheln ausgefahren und lachte mir fett ins Gesicht, strafte mich ob meiner Wildnis-Ignoranz und meiner fröhlichen Städterinnen-Existenz!

„Du dachtest, du hättest mich unter Kontrolle? Du dachtest, du hättest mich besiegt? AHAHAHA, falsch gedacht, Willkommen in der immergrünen Hölle, Schandry, wir haben ein ganz besonderes, stacheliges Plätzchen für botanische Versager!“

Mit allem, was ihr möglich war, zeigte mir die Natur, wer hier Chef ist – sie. Sie ist Herrin über alles und jeden, über die Stadt und eben damit auch über mich. Sie ist überall, immer, und wenn ich lange nicht mehr bin, wird sie noch da sein und auf meinem Grab werden Disteln wachsen.

 

Die Natur und ich haben einen Deal – ich lasse sie Natur sein und sie lässt mir mein Stadtkind. Zumindest dachte ich das.

Denn als wir uns miteinander konfrontiert sahen, schien es mir, als würde sie sich gegen mich wehren, als würde sie mich loswerden wollen.

Doch zum Schluss verstand ich endlich: Die Disteln sind ein Geschenk von Mutter Natur für mich. Insgeheim weiß sie: Der Kampf gegen die Disteln verschafft mir eine tiefe meditative, fast schon perverse Befriedigung. Mein Herz macht einen kleinen Sprung, wenn ich eine neue Distel im Garten entdecke. Ich knie dann vor ihr nieder, wie zum Gebet, und falte kurz die Hände. Ich genieße den Moment, in dem ich sie ihres Zuhauses beraube, dieses leise „pok“, wenn man Distel samt Wurzel sanft aus der Erde zieht, ganz langsam, so dass ich ihr Ableben schön genießen kann.

Die Natur weiß, dass ich diesen Kampf gegen die Disteln brauche, diese Verzweiflung und die Hektik beim Durch-den-Garten-Rennen, das genervte, gestresste Suchen nach Dorn und Stachel – denn dann ist es für mich wie daheim.

Ich kann Busch nicht von Baum unterscheiden, bunte Blumen sind immer noch bunte Blumen und ob es jetzt Palmen, Primeln oder Gladiatoren sind – wenn sie mich nicht nerven, dann nerve ich sie auch nicht.

Aber eine Distel ist eine Distel. Eine Distel erkenne ich aus 30 Metern Entfernung gegen den Wind und bei Sturm. Die Natur scheint das zu wissen. Und deswegen lässt sie in meinem Garten Disteln wachsen. Das ist ihr städtisches Geschenk an mich.

Im Garten darf ich Stadtkind sein – aber eben nur zu Mutter Natur´s Bedingungen…

 

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