Nachruf für Roy

Seit der landesweiten Debatte über Satirefreiheit und was Humor so alles„darf“, habe ich mich gefragt, wo eigentlich meine eigene Grenze für Humor liegt. 

Die Antwort kam mit dem Tod meines Zwerghamsters. 
Roy, mein Dschungarisches Zwerghamsterchen, war der Apfel meines Auges, die Sonne meines Lebens, der Sonny zu meiner Cher – und ich, die ich schon zu seinen Lebzeiten eigentlich keine bösen Witze über ihn zulies, fand mich bei seinem Ableben als trauerndes, humorloses Klageweib auf dem harten Boden der Tatsachen wieder. 

Der Tod ist nicht lustig, egal wer gestorben ist. Aber unterm Strich ist der Tod immer nur ein temporärer Begleiter, der für diejenigen doof ist, die zurück bleiben müssen. 

Ich bin eine Übertreiberin. Nicht nur bei Roy, sondern generell, im Allgemeinen. Ich mag den Begriff „Dramaqueen“ nicht, ich möchte es bei „Übertreiberin“ belassen. Wenn ich fühle, dann fühle ich immer groß, gewaltig und wichtig. Man dürfte behaupten, meine Aktionen und Reaktionen fußen auf dem Leitsatz „Go Big or go Home“. Ich kann nicht anders, und wenn ich könnte, so wollte ich es nicht. 
Und so lebte auch Roy Al Andrew Wait-for-it Ehrenfried (sein voller Name) bei mir sein übertriebenes Dasein. Für ihn übertrieb ich es in Dimensionen, zu denen ich nicht wusste fähig zu sein.

Ich hatte lange gekämpft, Roy überhaupt haben zu dürfen – als starker Allergiker war meine mit mir zusammenlebende Herzperson eigentlich kein großer Fan von Kleintieren. Aber nach wochenlanger Gehirnwäsche hatte ich ihn davon überzeugt, dass ein Zwerghamster allergietechnisch für ihn die geringste Gefahr darstellte. Und ich sollte Recht behalten. 

Vor Roys Anschaffung besorgte ich alles an Information und Equipment, was ich brauchen könnte, um einen Zwerghamster möglichst artgerecht halten zu können. Ich war in drei verschiedenen Zoohandlungen. Ich meldete mich im Internet auf einer Hamster-Platform an, um mich mit anderen Hamstermuttis auszutauschen. Ich stellte die Möbel meines Zimmers um und machte in zwei verschiedenen Kommoden Platz für Hamster-Merchandise. Ich wollte vorbereitet sein. 

Zusammengefasst: ich übertrieb es an jeder Stelle konsequent, haltlos und leidenschaftlich, schon bevor ich Roy überhaupt besaß. Als er dann endlich bei mir war, konnte der Spaß erst richtig losgehen. 

Als ich zum Beispiel nach ein paar Wochen glaubte, Roy würde in seinem für einen Zwerghamster eigentlich adäquat-großen Käfig wegen zu wenig Platz eventuell einen Lagerkoller bekommen, bestellte ich ihm im Internet kurzerhand einen Kaninchenkäfig für 100 Euro. Mit drei Etagen, Kletterparadies und diversen Erlebnisparks. 

Von Natur aus mal mindestens so verspielt und neugierig wie ein Zwerghamster, bastelte, nähte und dübelte ich Spielzeug für Roy und lies ihn jeden Abend frei herumlaufen, um des Hamsters natürlichen Bewegungsdrang und seine Abenteuerlust und Neugier zu unterstützen und ihn verzückt dabei zu beobachten. 

Nicht nur einmal erzählte ich Freunden von ihm. 

Nagut, machen wir uns nichts vor – ich redete von nichts anderem mehr. Das Hamsterchen hier, das Hamsterchen dort, ich habe einen Zwerghamster, sein Name ist Roy, gestern hat Roy ein Blatt gegessen, letzte Woche hatte Roy Durchfall, hier, schau dir diese achtzehn verschiedenen Bilder von Roy an, auf denen er jedes Mal gleich aussieht, aber er sieht so putzig aus, guck doch, hab ich dir schon das siebenminütige Video gezeigt, auf dem er schläft?! 

Dem einen oder der anderen mag das bekannt vorkommen. 

Es tut mir nur ein bisschen leid. 

Denn Roy war so putzig, so entzückend niedlich, so herzallerliebst plüschig, dass man ihn einfach lieben musste. 
Und weil ich eben eine Übertreiberin bin, liebte ich Roy mit jeder Faser meines Seins, in jeder Stunde, Minute und Milisekunde, saß verträumt stundenlang vor seinem Käfig und sah ihm dabei zu, wie er seinen Tag verbrachte und mich dabei herzlich ignorierte. 

Roy liebte mich nur insofern ich meiner Rolle als Futterlieferantin gerecht wurde. Und das wurde ich. Ich gab ihm jeden Abend eine Auswahl an frischem Futter, mischte vier verschiedene Sorten Trockenfutter, um herauszufinden, welches Körner-Getreide-Verhältnis ihm am meisten zusagte und belohnte ihn zwischendurch mit Leckerlis. Für Roy überwand ich meinen Ekel vor Insekten und gab ihm den benötigten Nährstoffanteil an tierischem Eiweiß: getrocknete Mehlwürmer oder Heuschrecken, ab und zu etwas mageres Hühnchen, manchmal ein Shrimp. Selbst Roys Mobiliar war essbar. Heutunnel, Nagerpyramiden, Körnerleitern.

Einige von euch haben es kommen sehen, den anderen sage ich es gern deutlicher: Roy war eine Zeit lang stark übergewichtig. Die Zwerghamster-Traummaße von 40 Gramm hatte er nach ein paar Monaten aufgegeben und brachte ein stattliches Kampfgewicht von 83 Gramm auf die Präzisionsküchenwaage. Ich muss nicht extra erwähnen, dass ich Roy regelmäßig gewogen habe, oder? Das stand so im Hamsterforum, die Muttis im Internet haben das auch alle gemacht!!

Ich setzte Roy also auf Diät. Ein Jahr lang musste das Hamsterchen einen Jo-Jo-Effekt-artigen Eierlauf über sich ergehen lassen, er war dick, dünn, mal etwas dicker, mal etwas zu dünn, bis ich es endlich geschafft hatte, dass er sein Idealgewicht von 45 Gramm halten konnte! Man könnte meinen, ich hätte auch hier übertrieben. 

War Roy krank (oder vermutete ich, dass er krank war), gab es zu meinem Glück und seinem Übel einen Tierarzt in unmittelbarer Laufnähe. 

Ich stopfte das Hamsterchen also in seine kleine Transportbox (natürlich hatte ich eine kleine Hamster-Transportbox, überrascht euch das zu diesem Zeitpunkt noch?) und stapfte die fünf Meter über die Straße zum Tierarzt. Der erkannte mich schon am Klingeln, sagte nur „Ah, Frau Schandry, aja, na gut…“ und trottete mit hängenden Schultern in sein Sprechzimmer, ich nervös hinterher und Roy in der Box schwankend zwischen Irritation und Neugier.

Zum Beginn unserer gemeinsamen Zeit hatte ich Sorge, der Hamster sei hyperaktiv und verrückt und würde schlicht einen sehr baldigen Herztod sterben, wenn er weiter so hektisch herumrannte, am Gitter des Käfigs nagte und einfach nicht zur Ruhe kam.

Ich öffnete also die Transportbox und gebot ihm, er möge bitte herauskommen und als Roy daraufhin auch prompt neugierig aus seiner Box herauskrabbelte, meinte der Arzt überrascht „Der hört ja aufs Wort! Sachen gibts…“

Dann meinte er, Roy sei tatsächlich etwas dünn, „sowas wie ADHS gibt’s ja auch bei Tieren, gell“ und meinte, ich solle etwas mehr Kraftnahrung füttern, mehr Nüsse, mehr Mehlwürmer. 

Als ich ein paar Monate später wieder in seiner Praxis stand, weil Roy irgendwie so schwerfällig und kletter-faul geworden war, staunte der Doc nicht schlecht, als Roy aus seiner Box herauskugelte und schwermütig über den Tisch rollte. 

„Wissen Sie, sowas wie Diabetes gibt’s auch bei Tieren, gell…“

Also wieder Diät für Roy. 

Ich schiebe die Hälfte der Schuld für Roys Gewichtsprobleme übrigens dem Arzt zu!

Roy, so schien es jedenfalls, verzieh mir die Besuche beim Arzt, die Überfütterung und sogar das eine Mal, als ich auf ihn draufgetreten war (der Arzt meinte, „Gebrochen ist nix, ich glaub’, der mag Sie jetzt nur etwas weniger“). Ob Roy’s Motivation mir gegenüber je über die Kellnerin-Gast-Beziehung hinausging, wage ich zu bezweifeln, ich werde mir aber weiterhin vehement einreden, dass er mich ebenfalls geliebt hat. 
Roy bekam, ohne dass er je danach verlangt hätte, alles von mir. Was ich bekam, war flauschige Niedlichkeit, eine abenteuerlustige Neugier und eine an Leichtsinn grenzende Tollpatschigkeit, wenn er zum Beispiel wieder einmal vergessen hatte, dass er nur vorwärts- aber nicht rückwärtsklettern konnte und sich mit einem lauten „Flump“ aus schwindelerregender Höhe einfach fallen lies. Er versetzte mich in einen Zustand bedingungsloser, endloser Glückseligkeit. 

Als Roy Al Andrew Wait-for-it Ehrenfried in einem für einen Zwerghamster sehr hohen Alter gestorben ist, geriet mein Zustand von Glückseligkeit für einen sehr langen Moment ins Wanken. Mein Horizont verschob sich, die Zeit stoppte und mein sonst so beschwingter Alltag wurde von Trauer, Schwermut und Hilflosigkeit zur Seite geschoben. 
Ich war tatsächlich überrascht, wie traurig ich war und wie sehr ich ihn immer noch vermisse. 

Ich hatte meine persönliche Grenze für Humor entdeckt. Ich wusste nicht mehr, wer ich bin und dachte für diesen langen Moment, das würde für immer so bleiben. Manchmal habe ich Unrecht und das ist gut so…

Meine Herzperson und ich teilen uns mit unseren Freunden einen Garten. Einen schönen, semi-spießigen Schrebergarten, der nun auch Roys letzte Ruhestätte ist.

Der Garten ist etwas außerhalb der Stadt, neben dem städtischen Friedhof. 

Und gegenüber vom städtischen Friedhof gibt es einen Grabsteinmacher. 

Oh, ja. 

Ihr ahnt es bereits, ich spüre es…

„Hallo, guten Tag. Ich, ähm, ich habe eine – ähm, ich hoffe, nicht allzu seltsame – Frage…“

„M-hm…?“

„Mein… mein Haustier ist gestorben und ich… äh… ich wollte nachfragen, ob Sie auch sehr kleine Grabsteine machen…?“

Der alte Grabsteinmacher blinzelte mich aus Star-begrauten Augen an. 

„Ääh… hm, joa, wir… ähm… ’n Hund?“

Ich räusperte mich. 

„Nein, etwas kleiner…“

„M-hm – Katze?“

„Ähm, nein…“

„Also, wir machen eigentlich alles…“

„Ein Zwerghamster.“

„Oh.“

Im Hintergrund zirpte eine Grille. 

„Hm… Eija, also… wenn wir ’nen Stein finden… Kommse ma mit…“

Inmitten seiner beachtlichen Steinsammlung fragte der Grabsteinmacher: „Wie hießer dann?“

„Roy.“ Ich unterschlug Roys tausend andere Namen, weil ich befürchtete, auch so schon verrückt genug zu wirken. 

Der Grabsteinmacher wühlte in einem Haufen mittelgroßer Bruchsteine, murmelte dabei. „Roy… M-hm, Roy… Hmm…“ und zeigte mir dann einen kleinen, hübschen, hellroten Marmorstein. 

„Wemmer den nochmal halbiern…? Mit so ’ner Schreibschrift, zeig isch Ihne gleisch noch, stell isch mir eischentlisch ganz schee vor! – Vierzig Euro?“

Ich hatte im Kopf schon vorher meine finanzielle Grenze bei 50 Euro gezogen (alles über fünfzig ist ja auch mega-übertrieben-teuer für so ’nen Zwerghamster-Grabstein…) und sagte glücklich zu. 

Wir verabschiedeten uns mit Handschlag und drei Wochen später rief mich der Grabsteinmacher an, ich könne „den kleinen Gedenkstein” jetzt abholen. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal hervorheben, mit welch ehrlichem Respekt der Grabsteinmacher mich behandelt hat, und das rechne ich ihm hoch an. Vielleicht bin ich aber auch einfach nicht die erste Verrückte, die ihn um eine solche Arbeit gebeten hat… 

Der Tod ist nicht lustig, egal wer gestorben ist. 

Der Tod ist nur doof für die, die zurück bleiben müssen, denn sie sind alleingelassen mit ihrer Trauer. Trauer verändert das eigene Selbst, zwingt einem eine ungewollte Andersartigkeit auf, die irgendwie so seltsam lähmend ist, dass  man sich für eine Weile selbst verliert. 

Aber nach dieser Weile, welche Weile es auch immer braucht, findet man sich wieder, als die Person, die man vor der Trauer einmal war. 

Ich bin eine Übertreiberin. War ich schon vor Roy. Warum sollte ich mit dem Übertreiben aufhören, nur, weil Roy gestorben ist? Ich habe ihn wahnsinnig geliebt (mit Betonung auf Wahnsinn), muss ich damit aufhören, nur weil er tot ist? Ich glaube, das wäre ihm und mir gegenüber nicht fair. 

Go Big or go Home, oder? Und für Roy eben ganz besonders.