Wer aus dem Rahmen fällt…

 

Hängt beim Arzt Ihres Vertrauens auch hässliche Kunst im Wartezimmer?

Ich finde das sehr seltsam. Denn bis jetzt hing in jeder Praxis, in der ich war, mindestens eine unfassbare Hässlichkeit an der Wand! Immer!! Warum?

Zum ersten Mal aufgefallen ist mir das bei meiner Zahnärztin.

Ich habe schon von vornherein Angst vor Zahnärzten und Zahnärzterinnen. Gerüche nach Chemie, die in dieser Zusammensetzung nur bei Nagelartisten zu finden sind, Bohrer, Spritzen und allerlei spitze gruselig-aussehende Instrumente tragen dazu bei, dass ich vor einer zahnärztlichen Untersuchung grundsätzlich sehr schlecht schlafe.

Sitze ich dann am nächsten Morgen zur unmöglichen Uhrzeit hundemüde im Wartezimmer und harre meines Untergangs, bin ich beim Blick an die Wand aber mit einem Mal vollkommen hellwach:

Meine Zahnärztin hat ein seeehr großes Bild in ihrem Wartezimmer hängen, bestimmt gute anderthalb Meter groß. Es hat keinen klassischen Metallrahmen, sondern ist ungerahmt simpel eine rohe Leinwand.
Es ist ein Bild mit Farbklecksen auf bunt-ge-airbrushtem Grund. Farbkleckse aus Ölfarbe oder was anderem Dickflüssigem, Glänzenden. Dicke, kleine, mittlere und große, tropfenförmige oder kreisrunde Kleckse. Sie alle sind Neunzigerjahre-metallfarben, diese irisierende Farbe, die aus verschiedenen Blickwinkeln verschieden farbig wirkt. Lila-metallic, blau-metallic, silbergrau, weißlich-perlmuttig, rosa-schimmernd. Zwischendrin sind auch mal metallic-Schlieren und -Schnörkel und ab und zu ein kleines, verirrtes Dreieck.

Das Ganze ist „in 3D“, die Kleckse wirken, als würden sie aus dem Rahmen herausspringen, so als wären sie gerade erst gemacht worden. All die Kleckse und Schlieren haben grüne, hellblaue, gelbe und rosafarbenen Schatten in Airbrush-Technik. Wahrscheinlich für die optische und psychologische Tiefe.

Rechts am Rand ist ein Name hingekrickelt. Ich habe im Kunstunterricht an der Schule mal gelernt, dass so etwas irgendwie nur schlechte Künstler machen, ihr Bild unterschreiben. Denn eigentlich sei ja die künstlerische Pinselführung Unterschrift genug. Das hat die Dame, die das Bild offenbar gemalt hat wohl nicht gewusst. Ihr Name ist auch in metallic und 3D.

Das ganze Bild sieht zusammengefasst so aus, als hätte die Schöpferin dieses Werkes einen wirklich überaus schlechten Tag gehabt. Weil sie gemerkt hat, dass sie doch kein Talent für Kunst hat. Also hat sie ihre Neunzigerjahre-Metallglanz-Farbtuben allesamt über der Leinwand ausgedrückt, wütend, leidenschaftlich, aargh, HIER noch ein Klecks und HIER eine Schliere, und HIER und HIER, rroooaaaraaaaahKUNST!!, Oooh, diese Schmach, dieser Schmerz, was tue ich nur, wer bin ich, was kann ich überhaupt?! Ah, meine Eltern hatten Recht, hätte ich nur was Ordentliches studiert, sowas wie Soziologie oder Kleintierpädagogik oder so!!
Mittendrin hat es ihr dann plötzlich gefallen, dieses künstlerische Ausbrechen, das Spiel mit den Farben, die Leidenschaft der Malerei! Und dann, als die Farbtuben leer waren, sah sie ihr Werk an und dachte sich: “Boah, voll schön.”

Und dann hat sie das meiner Zahnärztin verkauft. Für tausend Euro oder so.

Im Wartezimmer meines Hausarztes hängt auch sowas Seltsames. Eine Sonne. Ebenfalls riesengroß, ein circa zwei Quadratmeter mächtiges, in vier Quadrate aufgeteiltes Sonnenbildnis. Also ganz einfach eine riiiiesige Sonne, viergeteilt, der dunkelgelbe Kern in der Mitte, dann gelb, dann hellgelb, nach außen hin immer heller werdend… Im Vergleich zu dem Klecksbild ist das eigentlich ganz schön. Fast beruhigend. Das Gelb ist fast nicht schrecklich.
Auch hier eine winzige, krakelige Kinder-Unterschrift am Rand, so wie in der Grundschule, wo dann auf den Bildern in Buntstiften stand “Sascha aus der 3b”.

Der Künstler dachte sich beim Sonnenbild bestimmt auch seinen Teil dazu. Sonne, boah, voll schön so, die is hell und groß und immer da, wenn´s hell is, toll, ich muss die Sonne unbedingt malen, die Muse knutscht mich grad französisch, da muss ich aber vorher zum Baumarkt, drei Töpfe Wandfarbe holen, weil, jetzt hab ich hier diese vier-Meter-Leinwand…

 

Bei meiner Augenärztin hängen gerahmte quadratische Schachbrettmuster, ist auch ´ne Art Kunst. Sie sind rechteckig und so wie ich das erkennen kann, ist das Material Teppich. Ja, Teppich. Da hat jemand quadratische Teppiche hinter Glas eingerahmt und an die Wand gedübelt. Die Schachbrettmuster sind teilweise verzerrt, oder verdreht, also eine optische Grausamkeit, zum Angucken daher eigentlich völligst ungeeignet.

Mir wirds immer kurz schwummerig, wenn ich da draufgucke und ich nehme meine Brille ab und hinterfrage ihre Sehstärke und ob ich wohl neue Gläser brauche… – Ich bin also faktisch das ideale Klientel, für welches diese Bilder offensichtlich in der Augenarztpraxis hängen!

Bei meinem Orthopäden hängt einfach ganz simpel ein eingerahmtes Spielertrikot der Eintracht Frankfurt an der Wand. Vollgeschwitzte Fußballtrikots sind scheinbar auch Kunst. Aktionskunst oder so.

Überall diese Kunst in den Wartezimmern! Und dann ertappe ich mich immer öfter dabei, dass ich die “Kunst” irritiert anschiele, kurz den Kopf schieflege und dann denke: “…hm… das könnt’ ich auch…”
Künstler hassen das.
Und Leute, die behaupten, sie hätten total die Ahnung von Kunst hassen das noch mehr. Vor allem diesen Laien-Spruch: “Ja, sowas hat meine vierjährige Tochter im Kindergarten auch gemalt, hängt jetzt am Kühlschrank, kostet aber NICH zehntausend Euro, hahaha…”

Das hassen die wie die Pest! Hehe.

Um zurück zum Thema zu kommen:
Warum hängt da also immer so hässliche Kunst in den Wartezimmern?? Immer in den Arztpraxen!! Warum???!
Ist das bei allen so? Oder ist das nur bei meinen Ärzten so? Haben die sich hinter meinem Rücken abgesprochen? Die gehen doch alle zusammen Sonntags auf den Flohmarkt und versuchen sich gegenseitig mit den schrägsten Bildern an Wahnwitz zu überbieten!! “Doktor Schmidt, gucken ´se mal! Tanzende, dicke Figuren in Kindergarten-Rot und Himmelblau auf grünem Gras! Wenn Sie das Bild ins Wartezimmer hängen, dann flippt die Schandry aus! Hahaha!”
Ich weiß nicht…

Wartezimmer sind immer irgendwie doof. Nie weiß man, was man so machen soll, in den anderthalb Stunden, die man da so rumwartet, immer dieses Rumsitzen, eigentlich fühlt man sich wie auf der Schlachtbank. Um einen herum andere kranke Leute, die wer-weiß-welche Krankheiten haben, ansteckendes, ekliges Zeug, man traut sich ja kaum mehr zu atmen. Am End´ kommt man kränker nach Haus, als man hergekommen is´!!
Die Zeitschriften helfen auch nicht viel mit der Nervosität, es sind entweder irgendwelche schrecklichen Frauenzeitschriften mit Kochrezepten, sowas wie die “Frau im Bild” oder “Frau in der Küche” oder so ein Mist, oder es ist ein Golfmagazin vom letzten Jahr, dass der Doc klischeéhafterweise von Zuhaus´ mitgebracht hat. Und auf den Zeitschriften sind ja dann auch ganz viele Keime drauf, iih, nein, dann lieber vom Nachbarn anniesen lassen.

Am Ende ist die hässliche Kunst an der Wand also wahrscheinlich einfach nur der hilflose Versuch, die Patienten von ihren Gebrechen, ihren Schmerzen oder ihren generellen Ängsten abzulenken und zu beruhigen. Ist ja auch irgendwie ganz nett von der Medizinmann- und -frauschaft.

“Gaanz ruhig, aalles ist gut. Guck, das schöne Bild. Guck mal! Uuuh! Ja, um dich herum husten alle, weiß ich, is bestimmt Malaria, aber guck doch mal, das schööne Bild, ooh, soo schön. Zähl mal die Schachbretter, los. Ooooh, guck mal, die Sooonne! Schau die vielen Farben! Und so grooß, ein gaaanz großes Bild, soo ein schööönes Bil…”
“Frau Schandry, die Frau Doktor wär dann soweit fürs Bohren.”
“Was?!”
“Bohren, Frau Schandry!”
“Darf ich das Bild mit den Farbklecksen mit reinnehmen?”

 

 

Ein Gedanke zu “Wer aus dem Rahmen fällt…

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