Schall und Rauch

Ich habe eine Schwäche für Handwerker.
Jedes Mal, wenn ein Schildchen an der Tür hängt, von wegen “Heizkörperwartung” oder “Stromzählerüberprüfung”, nehme ich mir den Tag frei, räum auf, stelle Sekt kalt und freue mich.

All die Handwerker, Installateure und Elektriker, die meine Wohnung über die Jahre besucht haben – zum diverse Dichtungen in Abflussrinnen platzieren, auf Heizkörper klopfen oder “einfach mal kurz nen Blick auf die Leitungen werfen” – waren bis jetzt ausnahmslos Männer. Ich habe das noch nicht großartig hinterfragt, finde es aber auch nicht wahnsinnig verwerflich. Handwerker ist ein ehrbarer Beruf, den kann ruhig ein Mann ausüben. Warum nur wenige Frauen eine Karriere in der Dichtungsherstellungsindustrie oder Heizungsinstallation anstreben, ist mir immer noch ein Rätsel.
Bis jetzt war ich immer super-zufrieden mit meinen Handwerker-Herren. Sie sind stehts freundlich, effizient und äußerst kommunikativ. Vielleicht hatte ich auch bis jetzt nur Glück mit den Herren, das muss auch gesagt sein, die Unfreundlichen mag es sicher auch geben. Aber eben nicht bei mir.
Egal welches meiner Geräte kaputt ist/überholt werden muss/beerdigt gehört, der Ablauf eines Handwerker-Besuchs ist immer der gleiche:
Auf dem Zettel an der Tür steht grundsätzlich “wir kommen zwischen 6:30 und 17:45 Uhr, bitte seien Sie also zuhause, sonst kommen wir nie wieder, kosten aber suuuper-viel Geld!” Also bin ich zuhause und warte ab 6:25 Uhr glücklich im Flur, den Sekt in der einen, den Zettel von der Tür in der anderen Hand. Entweder ich habe Glück, und mein Handwerkerli kommt dann auch prompt um 6:34 Uhr, oder er erscheint dann eben abends, irgendwann, so kurz vor Feierabend. Dann beschäftige ich mich eben solange, ich hab mir ja freigenommen. Ab und zu klingelt es dann aber auch mal an der Haustür, wenn ich mit beiden Armen bis zu den Ellenbogen im Plätzchenteig stecke, oder im Putzeimer, oder (ein seltener Fall) ich habe vergessen, dass jemand kommen wollte und renne panisch halb-nackt durch die Wohnung auf der Suche nach meiner Hose.
Steht der entweder sehr geschaffte oder gut ausgeruhte Mann dann also in meinem Türrahmen, bitte ich ihn glücklich herein, wir reichen uns die Hand und ich biete ihm Sekt, Plätzchenteig und/oder Bonbons an. Je nach Saison.
Dann werden mir eine Reihe spannender Dinge präsentiert – der Handwerker zeigt sein Arbeitswerkzeug. Elektrobohrer, Dichtungsapparate, Messgeräte, blinkende Kästchen, glitzernde Metallschrauben, der Handwerker-Herr schleppt sein ganzes Sammelsurium an außergewöhnlichen Geräten an mir vorbei in meine Wohnung und reiht sie fein säuberlich um sich herum auf. Dabei frage ich ihn zu jedem Gerät, wie es heißt, was es kann, wo es herkommt, wer es erfunden hat und welches sein persönliches Lieblingsstück ist. Man kennt mich in Handwerkerkreisen bereits…
Die Herren Handwerker geben mir aber immer gern Auskunft, ich lasse mir Vorgänge erklären, Ursachen erläutern, fachspezifisches Wissen wird an mich weitergegeben und wir reden ein bisschen über dies und das.
Unser Heizungsmann hats zum Beispiel am Rücken, so wie ich, wir tauschen also Orthopäden-Nummern aus und geben uns Tipps zu rückengerechten Gymnastikübungen. Der Stromleitungen-Prüfkerl zeigt mir gern Fotos von seinen Kindern, jedes Mal ein anderes, ab und zu ein neues. Und der nette Herr, der unseren Durchlauferhitzer wartet, erzählt mir immer aus der Zeit, als er noch Feuerwehrmann werden wollte…

Obwohl die Besuche der Mechaniker-Buben meist kurz sind, sind sie immer schön; ich biete, wie gesagt, grundsätzlich Sekt an (ich meine natürlich Wasser, aber wie lustig wäre es, wenn ich mit den Handwerkern bei jedem Besuch einen heben würde) und wir bringen uns Tratsch-und-Klatsch-technisch gegenseitig auf den neuesten Stand. Zum Schluss wünschen wir uns dann alles Gute für die Feiertage/die Zukunft/das nächste Spiel der wie-heißt-sie-noch-Fußballmannschaft.
Grundsätzlich sind sie alle eher entspannt und gemütlich, die Herren Mechaniker. Wir haben Zeit füreinander und lassen uns aufeinander ein.

Fremd war mir daher dann der seltsame Mann samt Kollege, der unsere Rauchmelder anbringen sollte. Meine Vermietung hatte wohl endlich den Schuss gehört und sich dazu durchgerungen, auch meine Wohnung mit diesen seltsamen, fremdartigen neumodischen Rauch-Detektoren auszustatten. Es hing also ganz brav der obligatorische Zettel mit Datum und Uhrzeit an der Tür und ich nahm mir den Tag frei, räumte Hamster und Spielzeug vom Boden weg, damit Platz war für mir-unbekannte Arbeiten und harrte erfreut der kennenzulernenden Herren Rauchmelder-Monteure. Mitten am Tag klingelte es dann plötzlich Sturm und herein kamen zwei lautstarke, äußerst unentspannte Männer und eine schweigsame Leiter. Der ältere von beiden Herren gab mir nicht die Hand, sondern schmiss einfach seinen Krempel vor die Tür auf den Boden und starrte an mir vorbei an meine Zimmerdecke.
“ScheeneguudeTachmirmachehierdieRauchmelderwohabbeSiedannAchischsehschonBettongDuRainämierkönnehierdirektmitdemSchlagbohrerbohrnHabbeSieenGlasWasserDaangescheenRÄÄÄÄÄÄÄRÄÄÄÄÄÄÄÄRÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄSodeswärsdannaachIschdangIhnereschthezzlischunnochenschööneTach!”

Ich stand bedröppelt mit Sekt und Zettel-von-der-Tür im Flur und konnte gerade noch “…dan…ke…?” hauchen, als der Jackensaum des jüngeren Herren gerade noch um die Ecke verschwand.
Die Rauchmelder waren an der Decke, alle drei, die Broschüre mit Infos lag auf meiner Kommode und der aufgewirbelte Staub legte sich langsam wieder. Innerhalb von zwei Minuten hatten die Herren also die Stellen lokalisiert, wo besagte Rauchmelder zu hängen haben, die Leiter aufgestellt, mit Schlagbohrer durch die Betondecke gebohrt, die kleinen Scheibchen angebracht, eine halbe Flasche Wasser getrunken und mir provisorisch erklärt, wen ich anrufen muss, wenns brennt.
Wow.
“Aber… haben Sie keine Kinder… Rücken?… was ist ein Schlagbohrer… Ich…” So etwas hatte ich noch nicht erlebt. All meine beliebten, einstudierten Small-Talk-Floskeln dahin, jeglicher Klatsch und Tratsch unausgetauscht, ich hatte kein einziges Wort gesagt. Welch seltsame Herren.

Aber letztlich habe ich es verstanden: die Herren Rauchmelder sind anders als ihre quartalsweise auftauchenden, installierenden Pendants – sie sind temporäre Erscheinungen. Ihr einziger Job ist es (zumindest momentan), Rauchmelder in die Decken dieser Welt zu schlagbohren. Da heißt es ‘rein, schlagbohren, Infobroschüre dalassen, raus’. Die Herren Rauchmelder sind Bohr-Nomaden. Sie sind warscheinlich das ganze Jahr durchs Land gereist, im Schlepptau circa 80 Millionen Rauchmelder, immer ‘on the road’, immer in Bewegung, nirgends zuhause. Da macht es sich so leicht keine Freunde, da ist keine Zeit und kein Raum für Small Talk. Die Herren Rauchmelder haben nur einander, sich selbst und ihre schweigsame Leiter auf der staubigen Straße ins Nirgendwo. Romantisch, irgendwie, aber bestimmt auch einsam und ein bisschen traurig.

Auf der Rückseite der Infobroschüre steht eine Notfallnummer, falls der Rauchmelder mal kaputt sein sollte. Die Herren Rauchmelder kommen dann nochmal und reparieren den Rauchmelder (oder tauschen ihn aus). Das passiert allerdings niemals, so rühmt sich zumindest die Infobroschüre, die sind eigentlich unkaputtbar, also, wenn man sie in Ruhe lässt, diese Rauchmelder…

Ich hab auch eine Leiter. Ich warte noch eine Weile, dann schaue ich mal, was sich mit dem Rauchmelder so alles anstellen lässt. Die Herren Rauchmelder-Monteure werden schon sehen, dass es ‘on the road’ nicht immer einsam sein muss.
Ich stelle am besten schonmal Sekt kalt.

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